Die EU macht Ernst mit der Kreislaufwirtschaft für Textilien: Bereits seit Anfang 2025 müssen Textilien getrennt gesammelt werden, um die Wiederverwendung und stoffliche Verwertung zu fördern – und bis April 2028 kommt die erweiterte Herstellerverantwortung. Doch was geschieht mit den wachsenden Mengen an Alttextilien unterschiedlichster Art und Herkunft? Beim Seminar „Post-Consumer-Textilien – Vom Alttextil zum hochwertigen Sekundärrohstoff“ des Österreichischen Wasser- und Abfallwirtschaftverbands (ÖWAV) zeichneten Expert:innen aus Industrie, Entsorgungswirtschaft und Forschung am 7. Oktober 2026 ein klares Bild: Ohne definierte Materialqualitäten und verlässliche Abnehmer bleibt ein umfassendes Textilrecycling nur Stückwerk. Der ÖWAV startet damit in die neue Seminarreihe „Kreislaufwirtschaft in der Industrie. Sekundärrohstoffe als Zukunftsressource.“ www.oewav.at
Die Textilindustrie zählt weltweit zu den großen Verursachern von Treibhausgasemissionen. Seit 2025 müssen Alttextilien in der EU getrennt gesammelt werden, bis April 2028 sollen die Mitgliedstaaten die erweiterte Herstellerverantwortung gewährleisten. Während die Qualität vor allem von Kleidung etwa durch den „Fast Fashion“-Trend sinkt, steigen gleichzeitig die Abfall- und Sammelmengen.
„Wir werden künftig deutlich mehr Alttextilien getrennt sammeln – und das ist gut so. Aber ein voller Container garantiert noch keinen nutzbaren Rohstoff“, stellte Lukas Kranzinger, Bereichsleiter Abfall- und Kreislaufwirtschaft im ÖWAV, zu Beginn des Seminars fest. „Ob die Sammlung eine echte Textil-Kreislaufwirtschaft begründet, entscheidet sich bei der Sortierung und den Recyclingtechnologien – und vor allem auch mit der Frage, ob es für die entstehenden Sekundärrohstoffe am Ende einen Markt gibt.“
Wie sehr ein europäischer Textilkreislauf von globalen Strukturen abhängt, thematisierte Christian Schindler von der International Textile Manufacturers Federation (ITMF) in seiner Keynote. Im Vorjahr gingen 97 Prozent aller neuen Webmaschinen nach Asien, mehr als die Hälfte davon nach China: Die Produktion ist längst nicht mehr in unseren Händen. „Recycelte Fasern müssen wieder versponnen werden. Diese industriellen Kapazitäten liegen jedoch nicht in Europa“, so Schindler.
Der Input bestimmt das Verfahren
Anastasia Zefkili (ANDRITZ AG) benannte die zwei großen Hürden für Recycling im Industriemaßstab: konstanter Input und konkurrenzfähige Preise. „Niemand kauft eine Recyclingfaser, die 30 Prozent mehr kostet als die Frischfaser.“ Recyclingfasern konkurrieren damit direkt mit Neufasern, deren Produktion – wie Schindler zeigte – von China dominiert wird. Welches Verfahren infrage kommt, hänge zudem vom Fasertyp, der Faserlänge und deren Zusammensetzung ab. Die Kunstfaser Elastan sollte z. B. höchstens zwei Prozent ausmachen, auch Beschichtungen und Metallteile stören – ein klarer Auftrag an das Ökodesign.
Eva-Maria Wurzer (Saubermacher AG) plädierte für einen Perspektivenwechsel: „Die Frage ist nicht, wer uns den Textilabfall abnimmt, sondern welches Produkt der Markt braucht.“ Rund die Hälfte der Bekleidung bestehe aus Mischgewebe, realistisch lasse sich davon nur ein kleiner Teil wieder zu Textilien verarbeiten. Gefragt wären daher auch Abnehmer etwa in der Bau- und Möbelindustrie, die textile Sekundärrohstoffe einsetzen können. Wurzer berichtete auch aus der Praxis laufender Pilotprojekte: Bei der Sammlung von eigentlich als defekt kategorisierter Altkleidung in 20 Modefilialen hätten sich 14 Prozent der Ware als noch tragfähig herausgestellt – womit sich zeigt, wie bedeutend zielgerichtete Prüfinstanzen für die Entlastung der Abfallkreisläufe sind.
Neue Kreisläufe brauchen Fachkräfte
Sortieranlagen, zeitgemäße Recyclingtechnologien und der Aufbau neuer Rohstoffmärkte brauchen nicht zuletzt auch qualifiziertes Personal. Genau dieses wird jedoch knapper, wie eine ÖWAV-Mitgliederbefragung mit über 1.000 Rückmeldungen zeigt. Mehr als ein Drittel der Befragten bestätigt, dass der Fachkräftemangel auch in der Wasser- und Abfallwirtschaft real ist, 59 Prozent erwarten in den kommenden fünf Jahren spürbare Folgen durch Pensionierungen. Ein starkes Argument, mit dem sich rekrutieren lässt, hat die Branche dabei auf ihrer Seite: Zwei Drittel nennen die sinnstiftende Arbeit als wichtigsten Grund, hier tätig zu sein.
ÖWAV-Bereichsleiter Lukas Kranzinger freut sich über ein erfolgreiches Seminar, aus dem die Teilnehmer:innen viel für ihre tägliche Arbeit mitnehmen konnten bzw. die Gelegenheit hatten, sich mit den unterschiedlichen Stakeholdern entlang der Wertschöpfungskette zu vernetzen. Er stellte abschließend fest: „Der Aufbau und die Umsetzung des österreichischen EPR-Systems ist dringend notwendig. Nur dann können sich die Anlagen und die Märkte, die eine echte Textil-Kreislaufwirtschaft benötigt, entwickeln.“ Mit der Veranstaltung, die den Start einer neuen Seminarreihe darstellt („Kreislaufwirtschaft in der Industrie. Sekundärrohstoffe als Zukunftsressource”), beweist der ÖWAV als unabhängige Expert:innenplattform seine Expertise im Bereich der Kreislaufwirtschaft, und macht es sich zur Aufgabe, dieses wichtige Thema umfassend zu beleuchten.
| Über den ÖWAV
Der Österreichische Wasser- und Abfallwirtschaftsverband (ÖWAV) vertritt seit 1909 die Gesamtheit der Wasser- und Abfallwirtschaft in Österreich. Als gemeinnütziger Verein setzt er sich für die Erreichung der nachhaltigen Ziele der Wasser-, Abwasser- und Abfallwirtschaft auf nationaler und internationaler Ebene ein. Seinen über 3.400 Mitgliedsorganisationen bietet der ÖWAV ein Branchennetzwerk sowie eine neutrale und unabhängige Plattform aller Fachexpert:innen und beteiligten Berufsgruppen. Ziele des ÖWAV sind die Ausbildung, die Erarbeitung und die Sicherung von Qualitätsstandards in der Wasser- und Abfallwirtschaft sowie die Information und der Interessenausgleich nach innen und außen. Präsident ist RA Mag. Martin Niederhuber, die Geschäftsführung hat DI Dr. Daniel Resch inne. www.oewav.at |
Fotos beiliegend, Abdruck honorarfrei
BU1: Christian Schindler (li.), International Textile Manufacturers Federation (ITMF) und Lukas Kranzinger (re.), Bereichsleiter Abfall- und Kreislaufwirtschaft im ÖWAV © ÖWAV
BU2: Christian Schindler, International Textile Manufacturers Federation (ITMF) hielt die Keynote vor zahlreichen TeilnehmerInnen des ÖWAV-Seminars zum Thema Alttextilien © ÖWAV
BU3: Der wachsende Berg an Alttextilien wird zunehmend zur Belastung für Umwelt und Wirtschaft. © Unsplash/Andrej Lisakov
BU4: Impulsiv gekauft, wenig getragen, bald entsorgt: Puncto Nachhaltigkeit bei der Kleidung bedarf es noch gesellschaftlicher Nachhilfe. © Unsplash/Ahmed
